Unlängst: Ein Ort der Ruhe

Vor über sieben Jahren startete das Projekt "Lern mit mir" in der Schiller-Bibliothek im Wedding. Die GESOBAU ist neuer Sponsor des Angebots, das – wie Lerncoach Susann Hochgräf im Interview mit "Hallo Nachbar" erklärt – für die Kids aus dem Kiez zu einer Anlaufstelle für Bildungsfragen aller Art geworden ist.

Hallo Nachbar: Was genau ist "Lern mit mir"?

Susann Hochgräf: Ein Lerncoaching für Schüler aller Altersstufen. Auch Auszubildende sind willkommen. "Lern mit mir" findet an drei Nachmittagen pro Woche statt. Unser Fokus liegt insbesondere auf der Sprach- und Leseförderung. Wir unterstützen die Schüler aber auch in allen anderen Fächern, betreuen sie bei den Hausaufgaben, helfen ihnen, ein Praktikum zu finden oder sich auf Prüfungen vorzubereiten. Außerdem bringen wir ihnen bei, wie sie das Medienangebot der Bibliothek nutzen und welche Lernmaterialien ihnen zur Verfügung stehen.

Warum kommen die Schüler zu Ihnen?

Oft, weil sie unzufrieden mit ihren Leistungen sind und sehr frustriert, dass sie sich alleine nicht verbessern. Das liegt in den meisten Fällen daran, dass ihnen die Techniken fehlen, sich Dinge selbst zu erarbeiten.

Lernen sie das bei Ihnen?

Ja. Ein Ziel des Projekts ist es, den Teilnehmern Strategien für das selbstständige Arbeiten zu vermitteln. Wir machen beispielsweise Übungen, wie sie ihr Lernen strukturieren können. Ich glaube, die Schüler wissen die Aufforderung zur Eigenständigkeit zu schätzen – vor allen Dingen, wenn ihnen etwas gelingt. Aus eigener Kraft Erfolge zu erzielen, ist ein tolles Erlebnis.

Wie läuft ein typischer Nachmittag ab?

Wir treffen uns im Gruppenraum der Bibliothek. Dort gibt es einen großen Tisch, an dem die Schüler arbeiten können. Die meisten machen dann ihre Hausaufgaben. Manche Schüler recherchieren aber auch für Referate im Internet oder im Buchbestand, andere möchten ihre MSA-Themen oder Praktikumsbewerbungen mit uns durchsprechen. Wenn jemand alleine nicht weiterkommt, geben wir Anleitung.

Welche Bedürfnisse haben die Kids, die zu Ihnen kommen?

Sie suchen einen Ort der Ruhe, an dem sie lernen können – und einen Ort, an dem sie ihre Nachmittage verbringen können. Viele der Kids bleiben auch, nachdem sie ihre Arbeit erledigt haben und nutzen die Angebote der Bibliothek. "Lern mit mir" ist eine schöne Konstante für sie und ein sicherer Treffpunkt.

Wie motivieren Sie die Kinder?

Dadurch, dass wir keinen Druck ausüben. Wenn ein Kind nicht arbeiten möchte, dann sage ich: Das ist deine Entscheidung. Wenn du nicht willst, kannst du auch gerne rausgehen und spielen. "Lern mit mir" funktioniert über die Eigenmotivation. Auch die gegenseitige Stimulation spielt eine wichtige Rolle. Die Kinder schließen hier Freundschaften und motivieren einander zum Lernen. Das funktioniert aus meiner Erfahrung viel besser, als von außen – sei es von den Eltern oder von den Lehrern – Leistungsdruck auszuüben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von "Lern mit mir"?

Viele unserer Kinder sind gestresst und setzen sich sehr unter Druck. Dadurch sind sie gehemmt im Aufnehmen neuer Informationen. Das wollen wir aufheben. Ich wünsche mir, dass wir auch in Zukunft dafür sorgen können, dass sich alle miteinander wohlfühlen. Das ist die beste Ausgangslage, um Probleme anzugehen.

Das Lerncoaching für Schüler findet immer montags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr und freitags von 15 bis 17 Uhr statt.


Unlängst erschienen in der Hallo Nachbar

Unlängst: Starthilfe in ein neues Leben

Die Onlineplattform Workeer bringt Flüchtlinge, die in Deutschland einen Job suchen, mit Arbeitgebern zusammen, die ihnen gegenüber aufgeschlossen sind. Auch Zahnärzte suchen dort – auf beiden Seiten.

Einen Monat lang waren David Jacob und Philipp Kühn, die hinter Workeer stehen, in Berliner Flüchtlingsheimen unterwegs, um sich dort mit Bewohnern und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen zu unterhalten. Die beiden Kommunikationsdesigner waren auf der Suche nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Klar war, dass sie ein Angebot für Flüchtlinge schaffen wollten, bloß: Was sollte es sein?

„Aus den Gesprächen haben wir viele Bedürfnisse herausgehört, unter anderem Wohnraum finden oder bürokratische Abläufe verstehen. Entschieden haben wir uns letztendlich für den Bereich Arbeitssuche. Wir finden, dass Arbeit ein wichtiger psychologischer Aspekt ist. Wer beispielsweise aus Syrien flüchten musste und dort einen guten Job hatte, will hier nicht einfach nur rumsitzen“, erklärt David Jacob.

Azzam Haddat, syrischer Zahnarzt: Azzam Haddat (Name von der Redaktion geändert) bestätigt das. Er ist einer von zurzeit zwölf Bewerbern, die auf Workeer einen Job im zahnmedizinischen Bereich suchen. Der 24-Jährige hat seine Heimatstadt Homs im Jahr 2013, ein Jahr nach dem Abschluss seines Studiums, verlassen. Damals herrschte schon zwei Jahre lang Bürgerkrieg in Syrien.

„Ich bin erst in die Türkei gegangen, weil ich dort weiter studieren und arbeiten wollte, habe aber die Approbation nicht bekommen“, berichtet Haddat. In seiner Heimat konnte er ohnehin nicht bleiben. Seit September 2014 wohnt er in Nordrhein-Westfalen, wo auch sein Bruder lebt.

Endlich auf eigenen Beinen stehen

In Deutschland fing der junge Syrer, wie er selbst sagt, bei null an: Er besuchte die Sprachschule, spricht jetzt fließend Deutsch, fand eine Wohnung und einen Minijob in der Gastronomie. Außerdem machte er ein Praktikum in einer Zahnarztpraxis. „Behandeln durfte ich natürlich nicht, aber ich habe viel über die Arbeitsabläufe gelernt“, erzählt er.

Haddat möchte so schnell wie möglich als Zahnarzt arbeiten. „Sobald ich die Ergebnisse meiner Deutschprüfung bekomme, beantrage ich meine Approbation und finde dann hoffentlich eine Assistentenstelle“, sagt er. „Ich möchte endlich in meinem Beruf arbeiten und auf eigenen Beinen stehen.“

Aufenthaltsstatus „Flüchtling“ schreckt viele Chefs ab

Wie schnell Flüchtlinge Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von ihrem Aufenthaltsstatus und ihren Deutschkenntnissen. Azzam Haddat ist mit einem Visum nach Deutschland gekommen und kann sich nach erlangter Approbation um einen Job bewerben.

Viele Flüchtlinge haben nach ihrer Ankunft erst einmal keine Arbeitserlaubnis. Ob sie eine bekommen, hängt von ihrem Aufenthaltsstatus ab. Auf Arbeitgeber kann der bürokratische Aufwand, einen Flüchtling einzustellen, abschreckend wirken. Mit Workeer wollen Kühn und Jacob Berührungsängste abbauen. „Wir glauben, dass die Bereitschaft der Arbeitgeber, die bürokratischen Hürden bei den Ämtern, in Angriff zu nehmen, größer ist, wenn sie sich vorher mit den Flüchtlingen ausgetauscht haben. Workeer soll diesen Austausch in Gang bringen“, sagt Jacob.

„Der Beruf verbindet einen Menschen mit der Gesellschaft“

Auf Workeer fündig zu werden, hofft Dr. Ernst Heissler, Leiter der Zahnklinik Amedis in Augsburg. Nicht nur, weil er weiß, dass viele Flüchtlinge fachlich gut qualifiziert sind. Workeer findet er aus einem weiteren Grund sinnvoll. „Um in einer friedlichen Gesellschaft zu leben, müssen wir Flüchtlingen die Chance geben, ihr Leben zu gestalten. Dazu gehört der Beruf ganz wesentlich. Er verbindet einen Menschen mit der Gesellschaft, in der er lebt und gibt ihm das Geld, um ein anständiges Leben zu führen. Wenn wir da helfen und außerdem interessante Menschen kennenlernen können, dann ist das doch toll“, bringt der MKG-Chirurg und Implantologe seine Meinung auf den Punkt.

Über den bürokratischen Aufwand, Zahnärzte aus dem Ausland einzustellen, ist sich der Zahnarzt bewusst. In den Amedis-Kliniken arbeiten mehrere syrische Zahnärzte. Heissler: „Wir haben die Kollegen dabei unterstützt, ihre Approbation zu bekommen, indem wir ihnen Abläufe und Ansprechpartner genannt haben. Durchziehen müssen sie das dann aber letztendlich selbst.“

Er habe noch nie erlebt, dass fehlende Motivation dabei ein Problem sei: „Diese Menschen haben eine oft lebensgefährliche Flucht hinter sich und wollen nicht untätig rumsitzen. Sie wollen sich etwas Neues aufbauen.“

Positive Signale sichtbar machen

Bisher wurde noch kein Job über Workeer vermittelt. David Jacob und Philipp Kühn sind trotzdem zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis. „Es ist ein schönes Gefühl, sich die Profile anzuschauen. Die Aussage, dass Flüchtlinge arbeiten wollen, wird hier sichtbar“, freut sich David Jacob und fügt hinzu: „Auf der anderen Seite sendet es ein positives Signal, dass sich auch viele Arbeitgeber eintragen.“


Grafik: Workeer


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Fotografen gesucht

Die Produktionsphase für die erste Ausgabe von Sippe, das Onlinemagazin für Großeltern, an dem ich zusammen mit dem Designer  Moritz Guth arbeite, hat begonnen. Wir suchen nach Fotografen, die Lust darauf haben, an dem Projekt mitzuarbeiten. Bei Interesse erreicht Ihr uns unter 

hallo@sippe-magazin.de

 

Unlängst: Zahnarzt auf Umwegen

Nicht jede berufliche Biografie verläuft linear. Viele Schulabgänger machen erst eine Ausbildung und holen später das Abitur nach, um zu studieren. Auch Zahnärzte finden über diesen Weg in den Beruf. Zwei Beispiele.

Nach der Volksschule direkt weiterpauken bis zum Abitur? Für Dr. Bernhard Jäger war das als 14-Jähriger keine Option. „Ich war ein ganz verträumter Junge. Schule hat mich nicht so interessiert. Für eine Herausforderung wie das Abitur war die Zeit einfach noch nicht reif“, erinnert sich der Zahnarzt aus Mannheim. 

Fernmeldehandwerker bei der Deutschen Bundespost

Jäger machte stattdessen eine Ausbildung zum Fernmeldehandwerker bei der Deutschen Bundespost. Er schloss sie 1967 ab und wurde danach sofort als Ausbilder für die Lehrlingsausbildung übernommen. „Rückblickend finde ich es weniger gut, dass ich als Anfänger Anfänger ausgebildet habe. Andererseits hat mich das aber motiviert, eigene Ideen und Konzepte auszuprobieren“, erzählt der 65-Jährige. 

Diese Experimentierfreude war es dann auch, die ihn antrieb, ein Jahr nach der Gesellenprüfung zurück an die Schule zu gehen und auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur zu machen.

Ähnlich, aber doch anders entwickelte sich der Lebenslauf von Anna Kolano. „Ich bin in der siebten Klasse vom Gymnasium auf die Realschule gegangen. Das lag gar nicht so sehr an meinen Noten, sondern weil ich mich auf dem Gymnasium überfordert gefühlt habe“, erklärt die 26-Jährige, die im vierten Semester Zahnmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert. 

Dass sie ihr Abi nachmachen wollte, beschloss die Schülerin schon in der achten Klasse. Der Grund: „Für alle Berufe, die mich als Kind interessiert hatten, brauchte man Abi. Diese berufliche Flexibilität wollte ich mir unbedingt sichern“, so Kolano. 

Job-Einstieg als Krankenschwester

Trotzdem entschied sie sich zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Zum einen, um eine sichere Grundlage zu haben, und zum anderen, weil ihr der direkte Einstieg nach der zehnten Klasse Realschule in die elfte Klasse Gymnasium nicht sinnvoll erschien. Dafür hätten ihr einfach zu viele Vorkenntnisse gefehlt.

Auf die Zeit als Schwesternschülerin blickt Anna Kolano mit gemischten Gefühlen zurück. „Ich fand die Aufgaben, die uns gegeben wurden, nicht besonders anspruchsvoll“, berichtet die Studentin. Vor allen Dingen störte sie aber eine Sache: „Als Krankenschwester sah ich kaum Aufstiegschancen. Man kann vielleicht irgendwann Stationsschwester werden und hat noch ein paar wenige andere Möglichkeiten, aber das war’s.“

Für die Auszubildende reichte das als Perspektive nicht aus und sie verfolgte ihren Plan, nach der Zeit am Krankenhaus wieder zur Schule zu gehen, mit noch größerer Entschlossenheit. So machte sie sich beispielsweise schon lange vor ihrer Abschlussprüfung schlau, auf welcher Schule sie ihr Abitur nachholen konnte und wann sie sich dort bewerben musste.  

Den ersehnten Abschluss in der Tasche

Mit ihrer Ausbildung als Krankenschwester kam für Anna Kolano nur die Berufsoberschule für Sozialwesen in München in Frage. Berufsoberschulen (BOS) gibt es in vielen Bundesländern speziell für Absolventen einer Berufsausbildung, die zusätzlich die Hochschulreife erlangen wollen. Um aufgenommen zu werden, braucht man einen mittleren Schulabschluss und eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung. Alternativ reicht auch eine mindestens fünfjährige einschlägige Berufstätigkeit als Qualifikation aus.  

BOS gibt es unter anderem in den Ausbildungsrichtungen Technik, Wirtschaft und - für Berufstätige aus dem Gesundheitswesen wie Kolano - Sozialwesen. Die damals 20-Jährige fing im September 2008 in München an und hatte zwei Jahre später im August das ersehnte Abi in der Tasche.

Neben Berufsoberschulen gehören Kollegs und Abendgymnasien zu den gängigsten Trägern des zweiten Bildungswegs in Deutschland. Bernhard Jäger machte sein Abitur an einem kirchlichen Kolleg in der Nähe von Achern und war im Jahr 1971 einer von 226 Schülern in Baden-Württemberg, die ihr Abitur an einem Abendgymnasium oder Kolleg bestanden.

Ganz egal, welche dieser Schularten man wählt - laut Anna Kolano und Bernhard Jäger ist eine Sache überall gleich: Die Klassen sind bunt zusammengewürfelt, sowohl im Hinblick auf die individuellen Vorkenntnisse als auch das Alter der Schüler.  

Eine absolut heterogene Gruppe

„Der Älteste in meiner Klasse war 28 Jahre alt“, erinnert sich Bernhard Jäger. „Was unsere berufliche Vorgeschichte betraf, waren wir eine absolut heterogene Gruppe. Die vertretenen Ausbildungen reichten von Gärtnern und Vermessern bis hin zu Mitschülern, die ein Metallhandwerk gelernt hatten.“

Anna Kolanos Erfahrungen gleichen denen Jägers: „In meiner Klasse betrug das Durchschnittsalter etwa 23 Jahre. Neben Krankenschwestern, Kinderpflegern und Erzieherinnen hatten viele meiner Mitschüler auch kaufmännische Ausbildungen oder waren Elektriker und Optiker, die aber alle im sozialen Bereich gearbeitet hatten.“  

Viele hätten auch schon eine Familie gehabt, berichtet Kolano. Alles in allem trug das laut der Studentin dazu bei, dass eine sehr unaufgeregte Atmosphäre in der Klasse herrschte, ohne die vielen „Zickereien“, die sie als Teenager an ihrer früheren Schule erlebt hatte.

„Eine schlechte Note hat mich nicht umgehauen“

Nach der Ausbildung wieder die Schulbank zu drücken und viel Stoff in kurzer Zeit nachzuholen, haben sowohl Bernhard Jäger als auch Anna Kolano als anstrengend in Erinnerung.  

„Das war alles ganz neu, egal ob es um Bio, Chemie, Griechisch oder Latein ging. Der Stoff war auch oft schwierig. Ich hab mich aber nicht unter Druck gesetzt und das alles ganz locker genommen - auch Niederlagen. Wenn ich mal eine schlechtere Note geschrieben habe, hat mich das nicht umgehauen. Das war eine gute Vorbereitung auf’s Studium, wie ich heute weiß“, erzählt Zahnarzt Bernhard Jäger.

Seine junge Kollegin bestätigt, dass die Herausforderungen immer größer geworden sind: „Damals an der BOS dachte ich, es ist hart. Aber verglichen mit jetzt, war der Stoff eher leicht. Damals habe ich zwei Stunden am Tag gelernt, jetzt im Studium sind es vier bis sechs Stunden täglich.“

"Mich hat nichts so schnell aus dem Konzept gebracht“

Ihr längerer Weg zum Abitur hilft Anna Kolano, Stress im Studium besser zu bewältigen. Nicht bestandene Prüfungen nerven sie zwar, sie sind aber kein Weltuntergang. „Im Laufe der Jahre bin ich abgehärtet im Sinne von weniger sensibel für Rückschläge geworden“, sagt sie. 

Auch aus Bernhard Jägers Sicht ist es kein Nachteil, später ins Studium einzusteigen. Er habe davon profitiert, ein paar Jahre älter gewesen zu sein: „Man bringt dann ganz andere psychische Voraussetzungen mit als manche jüngeren Kommilitonen. Mich hat nichts so schnell aus dem Konzept gebracht.“

Rückblickend ergibt für Anna Kolano ihr Umweg ins Studium irgendwie Sinn. Als Jugendliche sei sie einfach noch nicht bereit gewesen für den Erfolgsdruck auf dem Gymnasium. „In der siebten Klasse bin ich abgegangen, aber danach ging es kontinuierlich bergauf“, so ihr Resümee. „Es ist eine schöne Erfahrung, dass ich mich durch harte Arbeit verbessert habe. Im Laufe der Jahre habe ich so gelernt, was ich alles schaffen kann. Nur eben in meiner Zeit.“


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Unlängst: Ran an die Pipetten

Das Freiwillige Wissenschaftliche Jahr an der Medizinischen Hochschule Hannover ist mehr als nur ein Schnupperkurs. Es gibt Abiturienten die Chance, Forschung hautnah zu erleben – und selbst Hand anzulegen.

Ein sachtes „Klick klick klick“ ist in dem fensterlosen Labor zu hören. Im langen, weißen Kittel steht Jago Mävers an seinem Arbeitstisch, in seiner Hand hält er eine Pipette. Über ihren Dosierknopf stellt er, wie bei einem Zahlenschloss, die benötigte Mikrolitermenge Flüssigkeit ein. „Klick klick klick“ und die Skala zeigt die richtigen Ziffern. Mävers zieht die Probe auf, füllt sie in ein Eppi und stellt sie auf Eis. Dann geht es mit der nächsten Probe weiter.

Beim Pipettieren macht dem 18-Jährigen so schnell keiner mehr etwas vor. Diese Technik konnte er in den ersten Monaten seines Freiwilligen Wissenschaftlichen Jahres (FWJ) an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) perfektionieren. „Ich hatte viel Übung. Für die Versuchsreihe, an der ich zurzeit mitarbeite, wird jede Probe doppelt analysiert. Ich muss deshalb genau darauf achten, dass ich beide Male dieselbe Menge nehme, dass ich die Pipette richtig benetze und dass am Ende auch alles rausgeht“, beschreibt er die Tücken seiner Aufgabe.

Wenn Abiturienten Stammzellen erforschen...

Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens kennenzulernen, ist ein Ziel des FWJ. „Die praktische wissenschaftliche Tätigkeit soll außerdem die Berufsorientierung erleichtern, neue Perspektiven eröffnen und für ein passendes Studium begeistern“, ergänzt Nadine Dunker, Leiterin des Büros für die Freiwilligen Dienste an der MHH.

Schulabgänger haben seit 2011 die Möglichkeit, sich an der MHH oder einem ihrer Partnerinstitute im wissenschaftlichen Bereich auszuprobieren. Im aktuellen Jahrgang nutzen 82 Abiturienten diese Chance. Die Teilnehmer können in einem Wissenschaftsgebiet ihrer Wahl, von Biomedizin über Chemie und Physik bis hin zu Ingenieurswissenschaften, ein Forschungsprojekt begleiten und beispielsweise Stammzellen, Gentherapien oder Impfstoffe erforschen.

...oder Daten zum Plattenepithelkarzinom sammeln

Jago Mävers arbeitet in der Forschungsabteilung der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im Team von Dr. Andreas Kampmann mit. Dort werden zum einen Tissue-Engineering-Produkte für den Knochenersatz entwickelt, der zweite Schwerpunkt ist die Tumorforschung, speziell im Bereich des Plattenepithelkarzinoms. Hier wird der 18-Jährige zurzeit eingesetzt.

„Wir ermitteln anhand von etablierten Tumorzelllinien, archiviertem Tumorgewebe und histologischen Präparaten, ob eine Verbindung zwischen einem bestimmten Phänotyp der Zellen und der Expression bestimmter Gene besteht“, führt der Molekularbiologe Kampmann aus. „Wenn sich ein Zusammenhang zwischen Phänotyp und Tumorwachstum herstellen lässt, kann das ein prognostischer Faktor sein und eine Aussage über den Krankheitsverlauf eines Patienten ermöglichen.“

Bloß nichts kaputt machen

Die Methode, die das Team dabei anwendet, ist die quantitative PCR, kurz für Polymerase Kettenreaktion. Die quantitative PCR erlaubt es, die Menge eines Genproduktes zu messen und zu überprüfen, ob dieses Gen im Tumor im Vergleich zum Normalgewebe mehr oder weniger aktiv ist.

Jago Mävers unterstützt seine Kollegen dabei, die nötige Datengrundlage mithilfe quantitativer PCR zu erheben. Die verschiedenen Arbeitsschritte – unter anderem das Pipettieren – hat er zusammen mit Andreas Kampmann Schritt für Schritt gelernt.

Was für ihn mittlerweile Routine ist, war am Anfang mit Aufregung verbunden. „Mir war sehr bewusst, dass viele Geräte im Labor hochkomplex sind – und auch sehr teuer. Den Umgang mit ihnen zu lernen, fand ich spannend. Gleichzeitig habe ich gehofft, dass ich nichts kaputt mache“, erinnert er sichund lacht.

Taugen Schulabgänger für die Forschung?

Andreas Kampmann war anfangs skeptisch, ob ein FWJler seine Abteilung bereichern könne, wollte es aber trotzdem ausprobieren. „Ich hatte zugegebenermaßen Bedenken, als wir vorletztes Jahr unsere ersten FWJler aufgenommen haben. Es ist ja nicht gerade wenig komplex, was wir hier machen. Natürlich kann man sich alles aneignen, aber man braucht schon ein gewisses Grund-Know-how. Und so frisch von der Schule, stellte sich durchaus die Frage, ob das klappen kann“, sagt der 47-Jährige.

Der erste Versuch lief dann aber so gut, dass Kampmann sich gerne wieder als Betreuer beteiligte. Nicht nur, weil es ihm Freude macht zu beobachten, wie sich die FWJler entwickeln. „Es ist auch so, dass die ganze Abteilung von ihrer Anwesenheit profitiert. Wenn man seine Arbeitsabläufe und Fragestellungen für jemanden von außen aufbereiten muss, durchdenkt und hinterfragt man sie noch einmal ganz neu“, erklärt er.

Man braucht ein dickes Fell

Für Kampmann ist das FWJ darüber hinaus Nachwuchsgewinnung auf sinnvolle Weise, denn die Abiturienten lernen, auf welche Eigenschaften es in der Forschung wirklich ankommt. Neben Sorgfalt und strukturiertem Denken sei vor allem eines entscheidend: „Man braucht ein dickes Fell. Weniger wegen der anderen Wissenschaftler, sondern vielmehr um mit dem eigenen Scheitern klarzukommen. Man hat nämlich selten beim ersten Versuch Erfolg“, so der MHH-Forscher.

Am Ende des FWJs soll Jago nach Andreas Kampmanns Willen das Projekt möglichst komplett bearbeitet und verstanden haben. „Dabei bekommt er natürlich andere Arbeitsaufträge als ein voll ausgebildeter Wissenschaftler oder eine Technische Angestellte mit einem entsprechenden molekularbiologischen Grundwissen. Ich bemühe mich aber, ihn nicht wesentlich anders zu behandeln. Das kann manchmal sehr fordernd sein, aber dann ist es auch kein Problem, wenn er mir das sagt. So findet man nach und nach heraus, auf welchem Niveau man die Arbeitsaufträge ansiedeln kann“, so der Betreuer. Bisher funktioniere das sehr gut, er sei überaus zufrieden mit Jago.

Auch der FWJler fühlt sich auf einem guten Weg: „Ich lerne jeden Tag soviel. Aber natürlich mache ich auch jetzt Dinge noch oft, weil ich sie machen soll. Die Zusammenhänge muss ich mir noch erschließen. Dabei hilft mir Andreas und ich recherchiere selbst.“

Lernen, täglich arbeiten zu gehen

Im kommenden Herbst, ist sich der 18-Jährige sicher, wird sich sein Wissen vervielfacht haben – nicht nur was die Forschung betrifft. „Ich lerne, was es bedeutet, täglich arbeiten zu gehen und mich in einem Team mit Chef und Kollegen zurechtzufinden“, erklärt er.

Auch bei der Berufsorientierung hat ihm das FWJ bereits geholfen und ihm klar gemacht, dass ein naturwissenschaftliches Studium das Richtige für ihn ist. Ein Forscher werde allerdings nicht aus ihm, räumt Jago Mävers ein. „Ich will Arzt werden. Am liebsten Chirurg, entweder im humanmedizinischen Bereich oder in der MKG-Chirurgie. Wäre ich nur im Labor, würde mir der Kontakt zu Menschen fehlen und das Gefühl, jemandem unmittelbar zu helfen“, erklärt er. „Das wissenschaftliche Denken und Arbeiten, das ich im FWJ trainiert habe, wird mir im Studium aber sicherlich weiterhelfen.“


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Unlängst: Reihe Berufswelten

Der angestellte Zahnarzt

Studium, Examen, Assistenzzeit - und dann? Auf diese Frage können Zahnärztinnen und Zahnärzte heute eine Fülle von Antworten geben. Welche Formen der zahnärztlichen Arbeit möglich sind, zeigt die Reihe „Berufswelten“ auf zm-online.de. Im ersten Beitrag erzählt Zahnarzt Mark Wullers, was es bedeutet, als Angestellter in einer Praxis beschäftigt zu sein. Mein Kollege Julian Doepp und ich haben ihn an seinem Arbeitsplatz bei Cendenta in Berlin-Biesdorf besucht.

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